Rilke Song Cycle

Here is the first of several posts from my concert with my good friend Carrie Kirby. Some time ago, Carrie suggested I take a look at Rilke's Stundenbuch as a possible source for texts. It is a wonderful set of poems written from the perspective of a Medieval monastic. I chose five of them for this song cycle. I am especially thankful for Dr. John Bailey and Gabriella Praetzel for corrections and suggestions to my translations.

I. Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen


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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.


Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.


I live my life in widening rings

that expand over all things.

I may not complete the last one,

but I will attempt it.


I circle around God, around the ancient tower,

and I circle for thousands of years:

and I still don’t know: am I a falcon, a storm,

or a great song.


II. Du, Nachbar Gott

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Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal

in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -

so ists, weil ich dich selten atmen höre

und weiß: Du bist allein im Saal.

Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,

um deinem Tasten einen Trank zu reichen:

Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.

Ich bin ganz nah.


Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,

durch Zufall; denn es könnte sein:

ein Rufen deines oder meines Munds –

und sie bricht ein

ganz ohne Lärm und Laut…


You, neighbor God, if I sometimes disturb you in the long night with hard knocking, -

it is because I seldom hear you breathe and know:

You are alone in the room.

And if you need something, there is no one there to put a drink within your reach.

I am always listening. Give a small sign. I am always near.


Only a thin wall is between us,

through chance; it could be:

a call from your mouth or mine -

and it collapses without a noise or sound.


III. Ich glaube an Alles noch nie Gesagte

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Ich glaube an Alles noch nie Gesagte.

Ich will meine frömmsten Gefühle befrein.

Was noch keiner zu wollen wagte,

wird mir einmal unwillkürlich sein.


Ist das vermessen, mein Gott, vergieb.

Aber ich will dir damit nur sagen:

Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,

so ohne Zürnen und ohne Zagen;

so haben dich ja die Kinder lieb.


Mit diesem Hinfluten, mit diesem Münden

in breiten Armen ins offene Meer,

mit dieser wachsenden Widerkehr

will ich dich bekennen, will ich dich verkünden

wie keiner vorher…


I believe in everything that has never yet been said.

I will set my most faithful feelings free.

What no one has been willing to dare

will become automatic for me.


If that is presumptuous, my God, forgive.

But I merely want to say to you:

My best strength shall be like a desire,

that is without anger and without hesitation;

the way children love you.


With this flood, with this flowing

in the wide arms of the open sea,

with this expanding returning

I will acknowledge you, I will reveal you

as no one before.


IV. Ich bin auf der Welt zu allein

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Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug

um jede Stunde zu weihn.

Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug

um vor dir zu sein wie ein Ding,

dunkel and klug.

Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten

die Wege zur Tat;

und will in stillen, irgendwie zögernden Zeiten,

wenn etwas naht,

unter den Wissenden sein

oder allein.


Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,

und will niemals blind sein oder zu alt

um dein schweres schwankendes Bild zu halten.

Ich will mich entfalten.

Nirgends will ich gebogen bleiben,

denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.

Und ich will meinen Sinn

wahr vor dir. Ich will mich beschreiben wie ein Bild das ich sah,

lange und nah,

wie ein Wort, das ich begriff,

wie meinen täglichen Krug,

wie meiner Mutter Gesicht,

wie ein Schiff,

das mich trug

durch den tödlichsten Sturm.


I am too alone in the world, and yet not alone enough to make each hour holy.

I am to small in the world, and yet not tiny enough to stand before you as a thing, dark and clever.

I want my will, and I want to accompany my will on the way to the deed;

and I want in the still, sometimes hesitating moments,

when something draws near

to be among the wise

or alone.


I want to reflect you in your complete form,

and never be blind or too old

to carry your heavy, fluctuating image.

I want to unfurl.

Nowhere do I want to remain hidden,

for where I am hidden, I am false.

And I want my thoughts true before you.

I want to describe myself like an image that I saw,

long and closely,

like a word, that I understood,

like my daily mug,

like my mother’s face,

like a ship,

that carried me through a deadly storm.

V. Du siehst, Ich will viel

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Du siehst, ich will viel.

Vielleicht will ich Alles:

das Dunkel jedes unendlichen Falles

und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.


Es leben so viele und wollen nichts,

und sind durch ihres leichten Gerichts

glatte Gefühle gefürstet.


Aber du freust dich jedes Gesichts,

das dient und dürstet.


Du freust dich Aller, die dich gebrauchen

wie ein Gerät.


Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,

in deine werdenden Tiefen zu tauchen,

wo sich das Leben ruhig verrät.


You see, I want a lot.

Perhaps, I want everything:

the darkness of each unending Fall

and the play of each sparkling ascent.


So many live and want nothing,

and are crowned with glad feelings

because of their easy judgments.


But you rejoice in each face,

that serves and thirsts.


You rejoice in all, who need you

like an instrument.


You are not yet cold, and it is not too late,

to submerge in your becoming depths,

where life is calmly revealed.

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